Entstehung und Entwicklung der Trans-Begriffe

Um die verschiedenen Begriffe zu verstehen, muss man sich immer vorstellen, durch wen (Betroffene, Nicht-Betroffene, Mediziner, Nicht-Mediziner), zu welcher Zeit und unter welchen gesellschaftlichen Umständen diese Begriffe geprägt worden sind.

Entstehung des Homosexualität-Begriffs

Die Entstehung der Trans-Begriffe begann mit der Erforschung und Rechtfertigung der Mitte des 19. Jahrhunderts gesetzlich verbotenen Homosexualität. Den Anfang machte dabei der Jurist Karl Heinrich Ulrichs, der "erste Schwule der Weltgeschichte" (Sigusch). Selbst homosexuell, setzte er sich 1864 öffentlich mit seiner These des "dritten Geschlechts" (Mann mit weiblicher Seele), das in Mischformen (Zwischenstufen) gleichgeschlechtliche Liebe als angeborene Eigenschaft hat, für die Straffreiheit von Homosexualität, von ihm "Uranimus" genannt, ein.

Der Begriff Homosexualität wurde erstmals 1869 von Karl Maria Benkert (östereichisch-ungarischer Schriftsteller) unter dem Pseudonym Karl Maria Kertbeny in einem offenem Brief an die preußische Justiz verwendet. Auch er setzte sich für eine Straffreiheit ein. Benkert gilt in dem Maße als betroffen, als ein homosexueller Freund bei einer Erpressung Selbstmord beging und er in Kontakt mit Karl Heinrich Ulrichs stand. Das Wort homosexuell setzt sich aus dem griechischen "homos" und dem lateinischen "sexues" zusammen und bedeutet "gleichgeschlechtlich". Aus ihm wurde später das Wort heterosexuell abgeleitet, also "andersgeschlechtlich".

Verbreitung fand der Begriff Homosexualität aber erst durch den österreichischen Nervenarzt Richard von Krafft-Ebbing, der als Begründer der Sexualpathologie (Lehre von den krankhaften Störungen und Abarten des Geschlechtslebens), 1886 mit seinem Werk Psychopathia Sexualis und der Erfindung der Begriffe Sadismus, Masochismus und Fetischismus wissenschaftliche Anerkennung erlang. In diesem Werk definiert er die Homosexualität als angeborene Nervenkrankheit, weshalb er sich für eine vollkommene Straffreiheit für dieses "Vergehen" aussprach.

Zu dieser Zeit befanden sich die Sexualwissenschaft (Begriffsprägung durch den Berliner Dermatologen Iwan Bloch 1906) und die Psychoanalyse (erstmaliger Begriffsgebrauch durch den österreichischen Neuropathologen Sigmund Freud 1886) noch in ihren Kinderschuhen. Gleiches gilt für die empirischen Untersuchungsmethoden (z.B. Beobachtungen und Interviews), die von Krafft-Ebbing erstmals angewandt wurden.

(Quelle: E.J. Haeberle, Archiv für Sexualwissenschaft)

Abgrenzung Transvestismus von Homosexualität

In dieser Art verfuhr auch Magnus Hirschfeld, ein Berliner Arzt, der, selbst homosexuell, 1897 das Wissenschaftlich-humantäre Komitee (WhK), als erste homosexuelle, politische Interessenvertretung gründete. Wie Ulrichs war auch Hirschfeld davon überzeugt, dass nur über die wissenschaftliche Argumentation die gesellschaftliche und juristische Beurteilung der gleichgeschlechtlichen Sexualität geändert werden könne. Hirschfeld griff die Theorie von Ulrichs auf und verfeinerte sie zur "Therorie der Zwischenstufen". Zur Bestimmung eines Individualtyps setzt er vier Eigenschaftsbereiche voraus:

  1. die Geschlechtsorgane (primäre Geschlechtsmerkmale)
  2. die sonstigen körperlichen Eigenschaften (sekundäre Geschlechtsmerkmale)
  3. der Geschlechtstrieb (Ausrichtung des Sexualverhaltens)
  4. die sonstigen seelischen Eigenschaften (geschlechtliche Geistes- und Sinnesart)

Nach seiner Theorie sind diese Eigenschaften bei jedem Individuum unterschiedliche, zwischen männlich, weiblich und verschiedenen Zwischenstufen, ausgeprägt.

Durch seine Untersuchungen stellte Hirschfeld fest, dass gegengeschlechtliches Verhalten und Verkleidungstrieb keine Form der Homosexualität sind und schuf den Begriff Transvestismus (lateinisch: trans=entgegengesetzt und vestitus=gekleidet) als wichtigste Zwischenstufe der sonstigen seelischen Eigenschaften. Dieser Begriff wurde 1910 durch sein Werk Die Transvestiten bekannt.

1919 gründete Hirschfeld das Institut für Sozialwissenschaft als Beratungsstelle für Homosexuelle, Transvestiten und andere Zwischenstufen. Hier setzte er den Gedanken seiner "Adaptionstherapie" um, eine Therapie und Möglichkeit für Betroffene, entsprechend ihrer Natur zu leben (Ansätze einer Selbsthilfegruppe).

Mit seinem Einsatz und seiner Arbeit trug er wesentlich zur Ausstellung polizeilich anerkannter "Transvestitenscheine" bei, die den Besitzern das öffentliche Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung erlaubte. Darüberhinaus schaffte er es Anfang der 20er Jahre, die Änderung der Vornamen von Transvestiten (Namenstransvestiten) in geschlechtsneutrale Vornamen gerichtlich durchzusetzen.

1923 veröffentlichte Hirschfeld die 23. und auch letzte Ausgabe seines Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen mit dem Titel "Die intersexuelle Konstitution", in der er erstmals von "seelischem Transsexualismus" (körpertransvestitische Zwangszustände), als extremste Form von Transvestismus sprach, ohne diesen Begriff aber genauer zu definieren.

(Quelle: Magnus-Hirschfeld Gesellschaft, Onlineausstellung - Institut für Sexualwissenschaft)

Abgrenzung Transsexualität von Transvestismus

Mit dem Beginn der Machtübernahme durch das Nazi-Regime brach die Sexualforschung in Deutschland zusammen, wurde aber im englisch-sprachigen Raum weitergeführt. Gleiches galt auch für die Weiterentwicklung der bereits in Deutschland Ende der 20er Jahre durchgeführten medizinischen Behandlung von Transvestiten (Hormonbehandlungen und Genitaloperationen).

1953, einer Zeit, in der Sexualität nur ein Thema für das eigene, abgedunkelte Schlafzimmer war, berichtete die New York Daily News mit großen Schlagzeilen in einer Serie über die Geschlechtsumwandlung der Amerikanerin Christine Jorgensen (urspr. George) in Dänemark. Diese und auch andere Veröffentlichungen hatten allerdings nur geringe Auswirkungen auf die Bildung von Begrifflichkeiten, mehr aber auf die Verbreitung des Phänomens an sich.

Diese Wirkung hatte auch Harry Benjamins Artikel "Transvestism and Transsexualism" im International Journal of Sexology, der ebenfalls in diesem Jahr erschien.

Harry Benjamin, geboren in Berlin, ging 1913 als junger Arzt für ein Forschungsprojekt über Tuberkolose in die USA. Nach Ausbruchs des 1. Weltkriegs wurde er zunächst interniert, kam aber durch seinen Verzicht auf Heimkehr und Emigration nach New York wieder frei. Sein Interesse an der Endokrinologie und der Sexualforschung führten ihn Mitte der 20er Jahre zu den Kongressen der Weltliga für Sexualreform (ab 1921) und zum Institut für Sexualforschung, bei welcher Gelegenheit er sich mit deren Mitbegründer Magnus Hirschfeld anfreundete.

Erst durch die Veröffentlichung seines Werks The Transsexual Phenomenon (1966) erlang der Begriff Transsexualismus wissenschaftliche Bedeutung. Benjamin grenzt hierin erstmals den Transsexualismus vom Transvestismus ab (siehe auch Harry Benjamin Skala) und beschreibt die erfolgreichen Ergebnisse durch hormonelle Behandlung und Genitaloperationen.

Damit waren die Begriffe Transsexualismus und Transvestismus wissenschaftlich (medizinisch) "zementiert" und finden heute, neueren Erkenntnissen angepasst, Anwendung in der Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) und der Gesetzgebung (Transsexuellengesetz).

Die nach Benjamin benannte Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association (HBIGDA) formulierte erstmals 1979 die auf seinen Ausführungen basierenden Standards of Care for Gender Identity Disorders (SoC).

Abgrenzung medizinischer von gesellschaft­lichen Begriffen

Mitte der 70er Jahre stand der Begriff Transvestismus immer noch im Zusammenhang mit sexueller Befriedigung. Virginia Prince (USA), die vollzeit in der weiblichen Rolle lebte, lehnte aber jegliche medizinische Behandlung ab und hatte auch in der sozialen Rolle keine sexuelle Motive. Da sie sich somit in keinem der medizinischen Begriffe wiederfand, erschuf sie 1978 das Wort Transgender, das schnell von Mitbetroffenen angenommen wurde.

Damit war ein Begriff geboren, der, als Vorstufe der Transsexualität (nicht-operierte Transsexuelle), für einen Aufbruch des zweigeschlechtlichen Denkens der Gesellschaft stand (soziale Identität).

So wie der Begriff Transsexualismus tauchte auch Transvestismus 1975 erstmals in der ICD-9 unter "Sexuelle Verhaltensabweichungen und Störungen" als Krankheit auf (während Homosexualität daraus verschwand). Auch wegen dieser Einstufung als Krankheit lehnten manche Betroffene den Begriff Transvestismus ab und bekannten sich als Crossdresser. Virginia Prince machte aber deutlich:This is a term that says what we do, not what we are (Dieser Begriff sagt was wir tun, nicht was wir sind).

In den 80er Jahren gründeten sich in Deutschland die ersten Selbsthilfegruppen. Eine dieser Gruppen war Transidentitas in Frankfurt am Main, deren Treffen erstmals 1985 stattfanden. Auf die Gründerin Cornelia Klein geht die Schöpfung des Begriffs Transidenten zurück, der als Oberbegriff Transgender (nicht-operierte Transsexuelle), Crossdresser (Transvestiten), Transsexuelle (vor- und nachoperativ), so wie Intersexuelle beinhaltete.

Ab hier wird es kompliziert. Mit dem Beginn der 90er Jahre begannen sich die Begriffe der Betroffenen und auch deren Bedeutungen zu vermischen. Der Begriff Transgender wurde allmählich zum internationalen Oberbegriff für alle Transsexuelle, Transvestiten und auch Intersexuelle (Transgender-Community), der sich aber in der Form in Deutschland nicht wirklich durchgesetzt hat. Somit exestiert Transidenten als weiterer Oberbegriff nebenher.

Ebenfalls Anfang der 90er hat ein weiterer Begriff den Weg aus den USA gefunden: Queer. Dieser politisch und wissenschaftlich benutzte Begriff, der aus der Homosexuellenbewegung stammt, beinhaltet eine Theorie der Indentitätskonstruktion (aus der biologischen-, sozialen- und sexuellen Identität), in der alle Mischformen möglich sind. Der Begriff queer, der allerdings auch unterschiedlich umfassend angewendet wird, schließt in seiner weitesten Form auch die Transgender-Community mit ein.

Aber egal wieviele Oberbegriffe es gibt: Viele Transsexuelle lehnen das medizinische Wort Transsexualität als gesellschaftlichen Begriff ab, da es hier in Deutschland den Eindruck einer sexuellen Orientierung (Homosexualität) vermittelt (obwohl es ursprünglich aus dem Lateinischen oder auch Englischen das Wort "Geschlecht" beinhaltet). Ebenso lehnen sie den Begriff Transgender im Sinne von Transvestismus ab und ersetzen Transsexualität durch Transidentität, das die gegengeschlechtliche Identität beinhaltet, deren Erreichen mit der operativen Maßnahme den Abschluss findet.

Zusammen­gefasst

Die momentan einzigen eindeutigen Begriffe (aus medizinischer Sicht) sind Transsexualität und Transvestismus. In der Umgangssprache herrscht unter den jeweilig Betroffenen durch ihre Abgrenzungsbemühungen gegeneinander ein Durcheinander, das wohl auch in absehbarer Zeit nicht geordnet werden wird.