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Stimmtherapie bei Transsexualität
Die Anpassung von Sprechen und
Stimmgebung an die veränderte Geschlechtsrolle stellt ein
zentrales Anliegen Transsexueller dar. Im Bereich der Sprachtherapie
bestehen nur wenige Konzepte zur Behandlung transsexueller Patienten
beziehungsweise Klienten.
Ein dementsprechend schlüssiges
stimmtherapeutisches Konzept stellt Judith Chaloner (1991) vor, die
in London intensiv mit transsexuellen Patienten an der Modifikation
von Sprechen und Stimmgebung arbeitet. In London existieren drei
Zentren zur Sprachtherapie Transsexueller an den Krankenhäusern
Charing Cross, Kings College und The Maudsley, die von Personen aus
ganz England frequentiert werden. Chaloners Ausführungen
enthalten neben konkreten Behandlungsvorschlägen wertvolle
Hinweise zur psychosozialen Situation transsexueller Patienten. So
weist sie beispielsweise auf die Häufigkeit von Depressionen
hin, die durch die Probleme, die eigene Identität in der
Gesellschaft ohne Sanktionen auszuleben, entstehen.
Chaloners Behandlungskonzept
bezieht sich auf die Behandlung Transsexueller, die früher ein
Mann waren, eine Geschlechtsumwandlung zur Frau durchlaufen haben und
ihre Stimme sowie ihr Sprechen dem einer Frau anpassen möchten.
Mit Transsexuellen, die eine Wandlung von Frau zu Mann durchlaufen
haben, besteht nur geringe Behandlungserfahrungen innerhalb der
Sprachtherapie.
Die Stimmtherapie schließt folgende Aspekte ein:
- Stimmeigenanalyse,
- Körperarbeit und Entspannung,
- Experimenteller Umgang mit der eigenen Stimme,
- Atmung und Stimme,
- Sprechstimmlage,
- Verringerung von Brustresonanz,
- Betonung und Sprechmelodie,
- Selbstdarstellung innerhalb der Kommunikation.
Im Bereich der Stimmeigenanalyse
geht es darum, gemeinsam mit dem Patienten ein stimmliches Profil
unter der Berücksichtigung folgender Fragen zu erstellen:
- Überzeugt die Stimme als die einer Frau?
- Sind nur geringe Änderungen nötig, um dorthin zu gelangen?
- Klingt sie sehr männlich oder nur ein bisschen?
- Wie ist die Stimmqualität?
- Welcher Resonanzbereich ist stärker wahrzunehmen, Brust- oder Kopfresonanz?
- Wie ist die Stimmlage?
- Wie ist die Artikulation?
- Wie ist die Atemführung?
- Ist ein Akzent zu hören?
- Ist das Sprechen emotional?
- Ist es übertrieben emotional, um weiblicher zu wirken?
- Wirken Stimme und physische Erscheinung harmonisch?
In diesem Sinne kann eine
funktionelle Analyse der Stimme erstellt und konkret bewusst gemacht
werden, in welchen Bereichen Veränderungen notwendig sind, um
sich stärker an eine weibliche Stimme anzunähern, und wie
sie realistisch angestrebt werden können.
Männliche und weibliche
Stimmen unterscheiden sich maßgeblich in der Stimmlage und im
Mischungsverhältnis von Brust- zu Kopfstimme. Bei Männern
überwiegt im allgemeinen die Brust- und bei Frauen die
Kopfresonanz. Dies sind die Bereiche, an denen am intensivsten
gearbeitet werden muss. Da der Kehlkopf Transsexueller ausgewachsen
ist und die Stimmlippenlänge nur durch aufwendige Operationen
modifiziert werden kann, ist es nicht physiologisch, Stimmmuster
aufzubauen, die den bestehenden Verhältnissen widersprechen. So
führt beispielsweise eine ständig erhöhte
Sprechstimmlage bei transsexuellen Frauen oder eine ständig
vertiefte bei transsexuellen Männern mit der Zeit unweigerlich
zu funktionellen Stimmstörungen. Die Veränderungen, die
möglich sind, sind am Stimmapparat selbst in der Tat sehr
subtil, aber ausreichend, um eine Stimme, die als weiblich überzeugt,
zu etablieren: In realistic terms this means that one should
try to bring about as little vocal change as possible, and still
carry off the illusion of a female voice (vgl. Chaloner 1991,
S. 326).
Chaloner integriert den Bereich von
Entspannung in ihr Konzept, um am Bewusstsein und der Kontrolle über
den eigenen Körper zu arbeiten. Dies ist bei transsexuellen
Menschen sicherlich wichtig, um die körperliche Identifizierung
mit der neuen Geschlechtsrolle zu fördern. Zudem ergeben sich,
gerade wenn Geschlechtsumwandlungen vollzogen werden, komplizierte
Operationen mit unter Umständen langwierigen Heilungsprozessen,
so dass Körperarbeit auch hier unterstützend wirken kann,
ein positives Verhältnis zum eigenen Körper zu behalten.
Ferner ist es bedeutsam, dass Transsexuelle mit der neuen
Geschlechtsidentität nicht die Klischees oder körperfeindlichen
Gewohnheiten übernehmen, die mit der Körperlichkeit des
angestrebten Geschlechts verbunden sind (beispielsweise Bauch
einziehen bei Frauen), sondern einen eigenen Bezug zu ihrem Körper
innerhalb der neuen Geschlechtsrolle entwickeln. Dazu müssen
nicht unbedingt Entspannungsübungen notwendig sein, wie Chaloner
sie vorschlägt, sondern es eignen sich alle Formen von
Körperarbeit dazu. Auch hier ist die körperliche
Grundspannung des Patienten zu beachten; ist sie eher niedrig, sind
spannungsaufbauende anstelle entspannender Ansätze zu empfehlen.
Das Experimentieren
mit der eigenen Stimme ist innerhalb der Stimmtherapie Transsexueller
sehr wichtig, damit die Patienten eine Vorstellung von der
Wandelbarkeit und von den verschiedenen Möglichkeiten ihrer
Stimme erhalten. Damit wird die Stimme auch aus dem ausschließlich
kommunikativen Kontext gelöst, was sehr sinnvoll ist, wenn
dieser als stressreich erlebt wird und mit vielen Ängsten
verknüpft ist, wie es bei transsexuellen Patienten häufig
der Fall ist. Ferner werden durch das spielerische Experimentieren
verschiedene Bereiche von Körperresonanz erfahren, schon zur
Vorbereitung des späteren Abbaus von Brust- und Entwicklung von
Kopfresonanz. Dabei ist die Entwicklung der auditiven Sensibilität
für die eigene Stimme in der Therapie transsexueller Patienten
von großer Bedeutung, um die feinen Nuancen, die weibliches und
männliches Sprechen differenzieren, beurteilen und an sich
selbst nachvollziehen zu lernen (vgl. Bryan-Smith 1986).
Die Modifikation der
Sprechstimmlage ist häufig das zentrale Anliegen der
transsexuellen Patienten, weil dies allgemein als der entscheidende
Unterscheidungsfaktor zwischen männlichen und weiblichen Stimmen
betrachtet wird und auch die Patienten dies so empfinden. Da ein
willkürliches Anheben oder Senken der Stimmlage einer
physiologischen Phonation aber, wie dargestellt, nicht entspricht,
sollte dieses Ziel von vorneherein realistisch behandelt und
weitgehend ausgeschlossen werden. Vielmehr sieht es in der Realität
so aus, dass eine künstlich veränderte Stimmlage mit
dementsprechenden Fehlfunktionen der Stimme in der Stimmtherapie erst
wieder verlernt werden muss. Dabei ist es wichtig zu vermitteln, dass
beispielsweise eine transsexuelle Frau, die ihre Sprechstimme
künstlich erhöht, dadurch nicht weiblicher wirkt, sondern
wie ein Mann, der in künstlichem Falsett spricht, was die vokale
Ausstrahlung eher unglaubwürdiger als überzeugender macht
und einen Eindruck von Affektiertheit und Künstlichkeit erzeugt.
Zudem ist die Anstrengung, die Sprechstimmlage immer künstlich
zu modifizieren, deutlich im Stimmklang hörbar und überträgt
sich unangenehm auf den Hörer. Zudem wurde innerhalb von Studien
erwiesen, dass eine alleinige Anhebung der Indifferenzlage im Fall
Transsexueller nicht ausreicht, um Hörern einen glaubhaften
Eindruck ihrer Weiblichkeit über die Stimme zu vermitteln.
Die realistische Eigenbeurteilung
und Einschätzung ist gut mit Videoaufnahmen und anschließender
Analyse des eigenen Sprechens anzubahnen. Dies ist unter Umständen
äußerst schwierig für den Patienten, da er eventuell
erkennt, dass die Darstellung, die er selbst rein auditiv, als
feminin einschätzt, gar nicht so wirkt, wenn man es im Kontext
der ganzen Person von außen betrachtet. Das Augenmerk sollte
also nicht vorrangig auf die Modifikation der Sprechstimmlage
gerichtet werden, zumal es auch viele Frauen mit tiefer Stimmlage und
Männer mit hoher Stimme gibt. Es ist vornehmlich die
Resonanzqualität der Bruststimme, die die männliche Stimme
männlicher erscheinen lässt als die Stimmlage selbst.
In diesem Sinne ist eine
Verringerung der Brustresonanz und Verstärkung der Kopfresonanz
von grundlegender Bedeutung bei der Behandlung transsexueller
Patienten.
Dafür können
Resonanzübungen mit klingenden Lauten (m, n oder ng) eingesetzt
und die Resonanzen im Gesichts- und Schädelbereich intensiv mit
den Händen erspürt werden. Zur stärkeren Führung
der Stimme durch Kopfresonanzen ist die Förderung der
physiologischen Bauch-Flankenatmung wichtig, damit die Ausatemluft so
dosiert abgegeben werden kann, dass kein zu starker Atemdruck
unterhalb der Stimmlippen im Kehlkopf entsteht, der die stärkeren
Randschwingungen der Stimmlippen beeinträchtigt.
Im Bereich Artikulation plädiert
Chaloner für eine Förderung einer exakten und
spannungsfreien Artikulation, die bewusst weich gestaltet wird. Der
Stimmansatz sollte dabei möglichst weit vorne angestrebt und die
Lippenartikulation betont werden.
Ferner ist eine intensive Förderung
von Intonation und Akzentuierung von großem Nutzen, da
Gender-Forschungen im Bereich von Sprache und Sprechen gezeigt hat,
dass das Sprechen von Frauen stärkere Intonationskonturen
aufweist. Dadurch ergibt sich automatisch der Eindruck einer höheren
Stimmlage, da die Tonhöhe, auch durch die Akzente bedingt,
häufiger situativ erhöht wird. Travestie-Shows bedienen
sich häufig dieses Mittels, um eine weibliche Sprechweise zu
imitieren. Aus diesem Grunde sollte das Ausmaß prosodischer
Strategien stets anhand von Videoaufnahmen kontrolliert werden, um
nicht in Klischees weiblichen Sprechens hineinzufallen.
Die erarbeiteten Möglichkeiten
zur Modifikation des Sprechens transsexueller Patienten, ohne
unphysiologische stimmliche Gewohnheiten aufzubauen, kann anhand von
Rollenspielen oder auch sehr gut im Rahmen von Gruppentherapie in
Richtung eines Transfers in die Darstellung der eigenen Person in der
Öffentlichkeit gelenkt werden. Im allgemeinen versuchen
transsexuelle Patienten eine relativ rasche Übertragung der
erlernten Inhalte in ihren Alltag, um ihre neue Geschlechtsidentität
auch vokal glaubwürdig zu repräsentieren. Dabei ist es
wichtig, die jeweiligen Erfahrungen von größerem oder
geringerem Erfolg zu reflektieren.
Literatur: The
voice of the transsexual. In: Fawcus, Margaret (Ed.): Voice Disorders
and their management. Chapman & Hall, London 19912, S.
314-332.
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