Coming Out

Am 23.8.2002 diskutierten wir angeregt das Thema "Coming out".

Nikita moderierte den Abend und fasste die wesentlichen Kernaussagen im folgenden Aufsatz zusammen:

Der Vorgang des Coming Outs ist zunächst einmal eine Sache, die in einem selber abläuft: Man muß sich zunächst einmal selbst darüber klar werden, was mit einem los ist. Ist die Erkenntnis, daß man transident ist, gefestigt, geht es nun darum, dies auch der externen Umwelt klarzumachen. Es gibt hier verschiedene Gruppen von Menschen, die man nach der persönlichen Nähe und Vertrautheit einordnen kann. Zunächst der Ehepartner und ggf. die Kinder, dann die Eltern, die Freunde, die Nachbarn und das berufliche Umfeld bzw. die Arbeitsstelle.

Die Partnerin, der Partner

Vorausschicken muß man, daß wohl die überwiegende Zahl der Partnerschaften/Ehen durch die herauskommende Transidentität in die Brüche geht. Spätestens dann, wenn die Hormone eine nicht mehr zu verbergende Wirkung hatten oder bei der geschlechtsangleichenden Operation erfolgt zumeist die Trennung, auch wenn der Partner vorher noch zu einem gestanden hatte.

In einer Partnerschaft ist das Rollenverhalten der Geschlechter durch gesellschaftliche gewachsene Konventionen festgelegt, die sich übrigens auch in den einschlägigen Gesetzen widerspiegeln. Diese Konventionen sind nicht ohne weiteres überwindbar und stellen für viele Partner eine sehr hohe Hürde dar, da sie eine starke Außenwirkung haben. Zwei zusammenlebende Frauen oder zwei Männer werden fast automatisch als lesbisch oder schwul eingestuft. Es müßte sich der Partner also auch noch als Lesbe oder Homo outen, um mit dem anderen Partner zusammen weiterleben zu können.

Wird die Partnerschaft vor dem Outen eingegegangen, so fühlt sich der Partner oft betrogen und reagiert mit Ablehnung, Frustration und auch Haß und Wut. Dies wird dadurch verschärft, daß derjenige, der sich outet, schon einen langen Weg der Besinnung hinter sich hat und nun möglichst schnell alles loswerden will, der Partner aber oft vollkommen überrascht mit der Transidentität konfrontiert wird. Hier kann man nur raten, alles ruhig und langsam anzugehen und dem Partner die gleiche Zeit zuzugestehen, die man selbst gebraucht hat, um mit dem Problem fertig zu werden. Auch eine gewisse Vorsicht und Selbstschutz scheint angesagt, da der Partner u.U. nicht rational reagiert und u.U. aus Haß einem so schwer wie möglich schaden möchte. Auch der Kampf z.B. um gemeinsames Eigentum entbrennt oft (wie bei jeder "normalen" Trennung) .

Man muß sich also darüber klar sein, daß das Outen beim Partner die hohe Wahrscheinlichkeit einer Trennung (früher oder später) mit allen emotionalen, wirtschaftlichen und rechtlichen Problemen mit sich bringt.

Anmerkung: siehe auch Betroffene und Partner

Kinder

Sind aus der Partnerschaft noch Kinder hervorgegangen, so verschärft sich das Problem. Kinder selbst, insbesondere jüngere, haben zwar oft weniger Probleme mit der Transidentität eines Elternteiles, es sei denn, sie sind selbst in einer instabilen Situation wie z.B. der Pubertät. Es kommt oft nur zu einem lapidarem "dann hab ich ja zwei Mammas", oder "das ist ok, ist ja Cool!". Der Partner aber reagiert oft in der Weise, daß er die Kinder schützen will und Angst vor der Reaktion der Umwelt hat: Was sagen die Freunde, Mitschüler, Lehrer, Nachbarn etc., kann mein Kind damit leben, wird mein Kind verdorben, verbaue ich meinem Kind damit etwas für die Zukunft. Das sind nur einige Themen. Alles das kommt u.U. schlagartig hoch und vertieft die Probleme mit dem Partner bzw. überträgt der Partner das eigene Problem oft auf die Kinder. Je besser sich die Partner über die Kinder verständigen können, desto schadloser können sie ggf. auch eine Trennung und die neue Geschlechterrolle eines Elternteiles überstehen. Es bleibt aber sicher genug Konfliktstoff übrig.

Eltern

Die Eltern kennen einen von der ersten Lebensminute an und haben zunächst oft ein Problem, mit der Änderung des Geschlechtes fertig zu werden. Besonders ältere und die männlichen Eltern können den Schritt nicht verstehen und sind in die gesellschaftlichen Konventionen verfangen. Hier ist Geduld und Zeit gefragt, denn letztendlich bleibt ihnen ihr Kind erhalten und ein Kind verdammt man nicht so schnell.

Freunde

Die meisten guten Freunde werden einem auch in der neuen Geschlechterrolle akzeptieren. Dies hat wohl damit zu tun, daß man sich Freunde (entgegen den Verwandten) mit Bedacht, nach Sympathie, ähnlichen Anschauungen etc. aussucht und daß diese von einem Geschlechterwechsel auch nicht so unmittelbar betroffen sind wie z.B. der Partner.

Nachbarn

Hier empfiehlt sich ein langsames Outen. Wenn sich die neue Geschlechterrolle nicht mehr verbergen läßt, sollte man mit den Nachbarn reden und die Situation erklären sowie klar machen, was Transidentität eigentlich ist. Zunächst wird es sicher eine Menge Gerede geben, was sich aber in der Regel schnell wieder legt, nachdem die Neuigkeit nicht mehr neu ist. Auch hier gilt, daß auch die Nachbarn von einem Geschlechterwechsel nicht unmittelbar betroffen sind. Wichtig ist, klar darüber zu kommunizieren, was Transidentität eigentlich ist, um Berührungsängste abzubauen.

Arbeitsumfeld/Firma

Dies ist wie bei der Partnerschaft ein ernstes Problem, denn die wirtschaftliche Existenz hängt zumeist davon ab. Besonders in der heutigen kritischen Arbeitsmarktsituation sollte man diesen Schritt genau und wohlüberlegt planen und durchführen. Gemeinschaftlicher Faktor eines erfolgreichen Outens im Arbeitsumfeld / der Firma scheint zu sein, mit kleinen klärenden Gesprächen anzufangen und immer den Vorgesetzten und / oder die Geschäftsleitung einzubeziehen. Für einen Arbeitgeber kann ein transidentischer Mensch innerbetrieblich ein Zeichen für Modernität und Offenheit sein. Nichtsdestotrotz sollte man aber nicht vergessen, daß viele Jobs durch beide Geschlechter zwar gleich gut auszufüllen sind, die Gleichheit unter den Geschlechtern aber de facto oft nicht gegeben ist.

Es ist auch dringend zu beachten, daß bei Jobs, die eine Außenwirkung haben bzw. mit Kunden des Arbeitgebers zu tun haben, die Toleranz sehr schnell endet, wenn hier Ablehnung oder negative Wirkungen entstehen. Transidentität ist kein Kündigungsgrund, es gibt aber eine Menge subtiler Methoden einen Mitarbeiter loszuwerden. Auch die nicht zu unterschätzende Gefahr des Mobbings besteht .

Bei einer Bewerbung muß einem klar sein, daß nur ein möglichst perfektes "Passing" als Mann oder Frau den Weg zum Erfolg bringt, weil einem potentiellen Arbeitgeber klar ist, daß während der Phase der Umwandlung der/die zukünftige Mitarbeiter(in) durch Krankheit (OP!) wochenlang ausfallen wird und er/sie auch sonst eine Menge Ärger und Unruhe verursachen kann. Ein Arbeitgeber halst sich nicht wissentlich ein Personalproblem auf, zumal er am Markt die Auswahl hat. Das heißt also, daß es extrem schwierig ist, in einer noch nicht ausgefüllten und beherrschten neuen Geschlechterrolle, also in der Transitionsphase, einen neuen Job zu finden.

Fazit ist daher, sofern sich die bereits erzielten Geschlechtsanpassungsmerkmale verbergen lassen und auch so schwer es einem fallen mag, im Falle einer Bewerbungssituation dies entweder in der alten Geschlechterrolle zu tun oder in der (soweit wie möglich perfekt ausgefüllten) neuen Geschlechterrolle.

Fragen eines potentiellen Arbeitgebers, die in die Richtung Transidentität zielen, weil vielleicht Zweifel über die Geschlechtszuordnung des Bewerbers aufgekommen sind, sollte man nicht offen beantworten bzw. möglichst geschickt ausweichen. Dies aber nur, sofern das Geschlecht für den potentiellen neuen Job nicht relevant ist (was aber für die allermeisten Jobs kein Problem darstellt).