Harry Benjamin Skala

In seinem Werk The Transsexual Phenomenon (1966) machte Harry Benjamin den ersten ernsthaften Versuch, die Phänomene Transsexualismus und Transvestismus voneinander abzugrenzen.

Seine an die Homosexualität einstufende "Kinsey-Skala" angelehnte "Sex-Orientierungs-Skala" (S.O.S.), sollte als "praktische, hilfreiche Arbeitshypothese" die Diagnose unterstützen.

Die nachfolgende Skala stammt von Anne E. Curr (1995) und ist eine Abwandlung des Originals, die auch Empfehlungen der Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association berücksichtigte.

TYP 0

Normale sexuelle Orientierung und Identifikation, heterosexuell, bisexuell oder homosexuell. Die Idee des "dressing" (Kleidung des anderen Geschlechts tragen) oder "Geschlechtswechsels" sind fremd und unangenehm. Dies betrifft die größte Mehrheit aller Menschen.

TYP I - Tranvestit
(Pseudo)

  • Geschlechts-"gefühl" : Männlich
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben : Normales männliches Leben. Hat eventuell "Spaß" an "dressing". Nicht wirklich TV.
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben : Für gewöhnlich heterosexuell. Selten bisexuell. Masturbation mit fetisch. Empfindet Schuld. "Befreit sich", kehrt aber wieder zu seinen Gewohnheiten zurück.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS) : Wird nicht wirklich in Betracht gezogen.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie : Nicht in Betracht gezogen. / Nicht erforderlich.
  • Psychotherapie : Nicht gewollt. Nicht notwendig.
  • Bemerkungen : Nur sporadisches Interesse an "dressing". Hat selten einen weiblichen Namen wenn "dressed".

TYP II - Transvestit
(Fetischistisch)

  • Geschlechts-"gefühl" : Männlich
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben : Lebt als Mann. "Dressing" periodisch oder zeitweise. "Dressing" unter männlicher Kleidung ("Underdressing").
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben : Für gewöhnlich heterosexuell. Kann bisexuell oder homosexuell sein. "Dressing" und "Geschlechtswechsel" hauptsächlich in Masturbationsfantasien.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS) : Erwägt es eventuell in der Fantasie. Sonst ablehnend.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie : Selten interessiert. / Kann helfen den Geschlechtstrieb zu reduzieren.
  • Psychotherapie : Kann in günstiger Umgebung erfolgreich sein.
  • Bemerkungen : Imitiert eventuell männliche und weibliche Doppelpersönlichkeit mit männlichem und weiblichem Namen.

TYP III - Transvestit
(Wirklicher/Wahrer)

  • Geschlechts-"gefühl" : Männlich (aber mit weniger Überzeugung)
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben : "Dressing" regelmäßig oder so oft wie möglich. Lebt unter Umständen als Frau und wird auch als solche akzeptiert. Trägt eventuell weibliche unter männlicher Kleidung ("Underdressing").
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben : Heterosexuell, außer wenn in Kleidung des anderen Geschlechts. "Dressing" bringt sexuelle Befriedigung und Erleichterung. Schmeisst oft alles hin, kehrt dann aber zu seinen Gewohnheiten zurück.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS) : Wird abgelehnt, aber die Idee ist verlockend.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie : Reizvoll als Experiment. / Kann zur Diagnose hilfreich sein.
  • Psychotherapie : Selbst wenn eine Therapie versucht wird, ist eine Änderung des Zustands nur sehr selten möglich.
  • Bemerkungen : Gibt sich eventuell als doppelte Persönlichkeit. Tendiert möglicherweise Richtung Transsexualismus.

TYP IV - Transsexuell
(Ohne Operation)

  • Geschlechts-"gefühl" : Unklar, schwankt zwischen TV und TS. Lehnt eventuell jegliches "Geschlecht" ab.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben : "Dressing" so oft wie möglich, allerdings mit ungenügender Erleichterung bezüglich der Geschlechtsstörung. Lebt als Mann oder als Frau.
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben : Geschlechtstrieb gering. Normalerweise asexuell oder autoerotisch (Lustgewinn und Triebbefriedigung ohne Partnerbezug). Eventuell bisexuell.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS) : Verlockend aber nicht notwendig.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie : Wird benötigt zur Beruhigung und zum emotionellen Ausgleich.
  • Psychotherapie : Nur als Führung, wird allerdings sehr oft abgelehnt und ist nicht erfolgreich.
  • Bemerkungen : Sozialleben ist von den Umständen abhängig. Identifiziert sich oft als "Transgenderist".

TYP V - Wirklich Transsexuell
(Gemäßigt ausgeprägt)

  • Geschlechts-"gefühl" : Weiblich, "gefangen" in einem männlichen Körper.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben : Lebt und arbeitet wenn möglich als Frau. Keine ausreichende Erleichterung durch "dressing".
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben : Geschlechtstrieb gering. Asexuell, autoerotisch oder passiv homosexuell aktiv. War eventuell verheiratet und hat Kinder.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS) : Gewünscht.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie : Wird benötigt als Ersatz oder als Vorbereitung zur SRS Operation.
  • Psychotherapie : Wird abgelehnt, außer es besteht die Möglichkeit einer Heilung. Erlaubt jedoch psychologische Führung.
  • Bemerkungen : Hofft auf und arbeitet für die Operation, wird oft erreicht.

TYP VI - Wirklich Transsexuell
(Stark ausgeprägt)

  • Geschlechts-"gefühl" : Weiblich. Totale "psycho-sexuelle" Umkehrung.
  • Bekleidungsgewohnheiten und Sozialleben : Lebt und arbeitet üblicherweise als Frau. Keine Erleichterung durch "dressing". Geschlechtsstörung stark.
  • Sexualobjektwahl und Sexualleben : Wünscht sich, in jungen Jahren, stark, Beziehungen zu normalen Männern als Frau. Später geringer Geschlechtstrieb. Heterosexuell, bisexuell oder lesbische Identifizierung. War eventuell verheiratet und hat Kinder.
  • Geschlechtsanpassende Operation (SRS) : Dringend gewünscht und üblicherweise erreicht.
  • Hormon Therapie/Estrogen Therapie : Benötigt für teilweise Erleichterung.
  • Psychotherapie : Psychologische Führung oder Psychotherapie nur zur symptomatischen Erleichterung (nur auf die Symptome nicht auf die Krankheitsursache einwirkend).
  • Bemerkungen : Verachtet ihre männlichen Sexualorgane. Ernste Gefahr von genitaler Selbstverstümmelung oder sogar Selbstmord bei zu langer Frustration bevor SRS durchgeführt wird.